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Für uns Europäer, die wir in unserem dicht bevölkerten Kontinent kaum noch größere zusammenhängende Waldgebiete zu Erholung in Stille und guter Luft finden, ist Kanada mit seinen schier unendlichen, kaum besiedelten
Waldgebieten ein Traum. In meiner Fantasie habe ich mir zumindest früher, gestützt durch einschlägige Literatur und Fotos, die kanadischen Wälder in etwa so vorgestellt wie die mitteleuropäischen Waldgesellschaften,
nur ungemein ausgedehnter und vielleicht mit einem etwas höheren Nadelwaldanteil. Ich träumte von enormen Baumriesen und wunderbaren ausgedehnten Spaziergängen. Mit Waldbau oder Forstwirtschaft hatte ich mich nie
befasst.
Die Ernüchterung kam schon bei meinem ersten Besuch in Kanada, im Verlaufe dessen ich das Land vom Atlantik bis zum Pazifik erkundete: Wenn man mal von den Nationalparks absieht,
ist das, was als Wald bezeichnet wird, zum weitaus überwiegenden Teil Gestrüpp und Dickicht. Dies rührt daher, dass der Begriff der Nachhaltigkeit, in Europa seit Jahrhunderten
Grundlage der Forstwirtschaft, in Kanada angesichts der Waldfülle erst in letzter Zeit thematisiert wurde.
Zum einen wurden früher gerade die Qualitätshölzer ohne Rücksicht auf das damit verschwindende Saatgut gefällt und verarbeitet, zum anderen erfolgt hier die Bewirtschaftung
auch heute noch durch großflächige Kahlschläge. Obwohl sich hier vieles in letzter Zeit durch eine auch national heftig geführte Diskussion deutlich verbessert hat, ist abzusehen, dass
zumindest auf Generationen hinaus sich der Waldbestand nur langsam qualitativ verbessern wird. Hierzu trägt auch bei, dass es nach Kahlschlägen keine Aufforstungspflicht gibt und dort,
wo aufgeforstet wird, oft Monokulturen der Nadelbaumarten angelegt werden, die am schnellsten und meisten Zellstoff für die Papierproduktion liefern. Was in der Konsequenz dazu
führt, dass zwischen den Kahlschlägen Umtriebszeiten von nur 30 bis 40 Jahren liegen.
Eine der schrecklichen Folgen dieser Kahlschlag-Wirtschaft konnten wir in diesem Jahr 2003 auch auf europäischen
TV-Bildschirmen miterleben: Die Waldbrände in British Columbia erreichten mit vielen vernichteten Quadratkilometern Wald und
der Zerstörung von vielen Häusern, ja ganzen Dörfern ein ungeheures Ausmaß. Dass die Feuer sich derart verheerend ausbreiten
können liegt zu einem Großteil auch daran, dass zum einen der Nadelholzbestand leichter brennbar ist, aber eben auch daran, dass
kaum Waldpflege betrieben wird, also das ganze Totholz und vertrocknete Reisig der Nadelbäume im Wald verbleibt und damit
einen idealen Nährboden für jedes Feuer bildet. Auch wenn Nova Scotia durch sein Atlantikklima weniger gefährdet ist und
großflächige Waldbrände bisher meiner Kenntnis nach nicht vorgekommen sind, so besteht die Brandgefahr hier in trockenen Sommern durchaus.
Qualitativ guten Laubwald habe ich nirgendwo entdeckt. Die Laubbäume, hier Hardwood genannt, sind meist von armseliger Statur
und werden in aller Regel als Feuerholz verwertet. Die halbwegs brauchbaren Stämme werden zu Parkett geschnitten. Da die
Kanadier und Amerikaner recht geringe Ansprüche an die Qualität des Parketts haben, findet auch die B- und C- Sortierung
Abnehmer. A-Sortierung wird zumeist nach Deutschland exportiert. Die Quote der A-Sortierung beträgt weniger als 8 % und wird -wie mir deutsche Abnehmer leider bestätigt haben- hier trotzdem nicht als solche anerkannt.
Der bedauerliche Zustand der Laubwälder wird von Jahr zu Jahr schlimmer, da die besten Bäume gefällt werden und keine Aufforstung mit Laubbäumen erfolgt. Pflanzgut für Laubbäume gibt es in den Forstbaumschulen nicht.
Dabei sind es gerade die Laubbäume, die im Herbst das einzigartige Farberlebnis de “Indian Summer” ermöglichen. es ist schier unglaublich, welche Palette an Gelb- und Rottönen das Herbstlaub bietet. Leider kann
man dieses Naturschauspiel in seiner vollen Intensität nur ein paar Tage beobachten und diese Tage sind wetterabhängig und in keiner Weise vorhersagbar. Aber auch an den restlichen Herbsttagen bietet der Wald viel
mehr Farben als hier in Europa.
Heute wird von staatlicher Seite sehr darauf geachtet, dass bei der Kahlschlagwirtschaft ausreichende Schutzzonen für das Wild bestehen bleiben und dass auf die Belange der Natur mehr Rücksicht genommen
wird. So sind beispielsweise Kahlschläge nur bis auf “Baumlänge ” von Seen und Flussläufen erlaubt.
Gleichzeitig hat man jedoch den Wert der Wälder für den Tourismus erkannt und festgelegt, dass auch entlang der Highways eine Bestandszone von einer Baumlänge verbleiben muss.
Damit bekommt der durchreisende Tourist vorgegaukelt, er würde durch große ältere Baumbestände fahren.
Die Bewirtschaftung durch Kahlschläge führt noch zu einem weiteren für uns Europäer, besonders für uns vom Bundeswaldgesetz verwöhnten Deutschen ungewohnten Waldbild: Es
existieren nur sehr wenige Wege, die außerhalb der Parks für Wanderungen geeignet sind. Für jede Kahlschlagaktion werden provisorisch Schneisen in den Wald geschlagen, oft viele
Kilometer lang, die anschließend wieder zuwachsen. Diese Wege haben neben dem eingeschränkten Sightseeing Effekt die unangenehme Eigenschaft, nicht von A nach B oder
von A im Rundgang wieder nach A zu führen, sondern enden in der Regel irgendwo im Nirwana, so dass nichts anderes übrig bleibt, als den selben Weg wieder zurück zu gehen.
Nicht besonders schön, aber im Hinblick auf die hier verbreitete St.Florian-Mentalität vieler Mitmenschen auch manchmal versöhnlich stimmend ist die Tatsache, dass die Ressourcen
dieses weiten Landes nicht nur großzügig genutzt werden, sondern auch die nicht mehr benötigen Ressourcen großzügig an die Natur
zurückgegeben wurden: Überall stößt man unverhofft auf den Schrott vergangener Generationen. Hier hat allerdings in den letzten
Jahren eine deutliche Veränderung im Denken und Handeln der Menschen eingesetzt. Ich erinnere mich noch lebhaft an einen
Besuch der “Reversing Falls” in New Brunswick von 25 Jahren, ein Naturschauspiel hervorgerufen durch den höchsten Tidenhub
der Welt. Bei Flut fließt der Fluss wieder landeinwärts zurück und überwindet sogar einen Wasserfall in umgekehrter Richtung. Von
diesem Naturschauspiel habe ich allerdings damals nicht viel mitbekommen, da ich von der Aussichtsplattform nur sehen konnte, wie
ein riesiger Schaumberg an der entsprechenden Stelle hin und her wabberte. Was meine kanadischen und amerikanischen Mitseher dennoch zu Begeisterungsstürmen hinriss.
Trotz alledem ist die Natur in ihrer Weite und Fülle ein immer wieder begeisterndes Erlebnis. Jeder Einheimische kennt einige
besonders sehenswerte Flecken, die in den offiziellen Prospekten nicht aufgeführt sind. Wenn Sie Ihre Begeisterung für das Land
spüren lassen, sind die freundlichen Kanadier gerne bereit, Ihnen davon zu erzählen. Oft sind die Menschen auch stolz darauf, Ihnen
diese Orte persönlich zu zeigen und freuen sich, Ihnen als Gast eine Freude gemacht zu haben..
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